Das KiepenlisettkenImmer unterwegs

Mit einem Mal wird es voll auf dem Rathausplatz. Dicht gedrängt stehen die Menschen an den Marktständen bei „Schalksmühle ... köstlich“. Sie probieren ausgefallene Köstlichkeiten, treffen alte Bekannte und lassen den letzten Tag im Oktober bei einem guten Glas Wein ausklingen. Mitten unter ihnen: das Kiepenlisettken. Eine kleine, etwas rundliche Person. Ein sanftes Lächeln im Gesicht. Das Kopftuch akkurat gebunden. Und auf dem Rücken die große Kiepe.

Noch immer trägt sie den schweren Rock, die abgewetzte Leinenschürze und die dicken Wollstrümpfe. Lisette Cramer schert sich nicht um Modetrends und das Gerede der Leute. Heute nicht und nicht vor 150 Jahren, als die „fliegende Markthändlerin“ durch die Lande zog, um die Leute mit Artikeln für den täglichen Bedarf und immer neuen, damals noch unbekannten Waren zu versorgen.


Wer ist diese Frau?

Wer aber ist diese Frau, die jeder hier kennt und von der doch niemand weiß, wie sie wirklich war?

Und wer wäre diese Frau heute?

Vielleicht lüftet sie ja ihr Geheimnis.


Fest steht zumindest eines: Schüchtern ist die 1845 geborene Sauerländerin nicht. Dafür selbstbewusst. „Immer schon gab es hier Weiber“, erfahren wir, „die sich weigerten, ihr Leben unter der Fuchtel eines stinkenden Schweinehirten zu verplempern, ihm wasserköpfige Brut zu gebären, um sich mit denen dann bis an das Ende ihrer Tage rumzuärgern.“ Verstanden!

Also zieht es Lisette Cremer, obwohl verheiratet und Mutter von zwei Kindern, hinaus in die Welt. Damals noch zu Fuß. Wohl nicht gerade aus begüterten Verhältnissen stammend, nimmt die Händlerin auch weite Wege in Kauf. Sie wandert nach Mainz, Frankfurt und Einbeck, um den „Hälverschen und Schalksmühler Jungens“ beim Militärdienst Briefe und Pakete ihrer Angehörigen in die Kasernen zu bringen.


In der Region gut vernetzt

Später zieht es die Handlungsreisende auf der Suche nach neuen Waren dann regelmäßig in das oberfränkischen Örtchen Pilgramsreuth. Denn das Kiepenlisettken ist gut vernetzt, kennt den Markt und hat ein gutes Gespür für innovative Produkte. So war es schließlich die einzige westfälische Kiepenfrau, der die Sauerländer die Kartoffel zu verdanken haben. Dabei habe sie eigentlich nur Wein besorgen wollen, erzählt die findige Unternehmerin. Doch dann berichteten Lieferanten von diesem neuartigen Gewächs, das gut gedieh und von Schweinen verschlungen wurde. Wie es heißt, soll ihr Schinken nach dem Genuss der Knolle noch würziger geschmeckt haben.

Also greift das Kiepenlisettken zu und vergrößert mal wieder ihr Sortiment. Fortan preist sie neben Kurzwaren („witte Tweiern, schwatte Tweiern, Stopp- und Nägenoteln“) auch exotische Produkte wie beschootene Nuett, Zaffroon (Muskatnuss, Safran) und eben Kartoffeln an. Geliefert wird, natürlich, frei Haus. Kundenpflege gehört schließlich zum Geschäft.


Mal mit, mal ohne Falten

So kennt rund um Schalksmühle bald jeder die kleine Frau mit dem großen Holzrucksack auf dem Rücken. Mal wird sie wegen ihres angeblich watschelnden Ganges und der ärmlichen Kleidung verspottet, andere laden sie zu Fitzebohnen-Durcheinander an den Mittagstisch ein. Manche sagen, sie sei redselig, unterhaltsam und freundlich gewesen, ihr Gesicht „von tausend Runzeln durchzogen“. Andere hören ihr brummiges Schimpfen. Auf Postkarten erscheint das Kiepenlisettken schließlich viele Jahre nach ihrem Tod (1907) fein säuberlich gekleidet, kaum Falten im Gesicht. Darunter ein plattdeutscher Verkaufsspruch mit der Überschrift: „As Lisettken ob en Handel gink!“.

Inzwischen hat sich der Rathausplatz in Schalksmühle geleert. Die Marktstände sind verschwunden, und der Trubel ist vorüber. Nur das Kiepenlisettken ist noch da, trägt noch immer den schweren Rucksack und die dicken Schuhe. Sie lächelt zufrieden – und auch ein bisschen geheimnisvoll. Eine Frau eben, die nicht alles von sich preisgibt. Eine, die nicht lange redet, sondern anpackt. Denn: „Stur sind sie, die Sauerländer, und die Frauen dort erst recht.“
 

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