Eine Dampflok berichtet

Darf ich mich kurz vorstellen? Mein Name ist Spreewald. Zurzeit vertrete ich meine Kollegin, die Dampflok Bieberlies, bei der Sauerländer Kleinbahn im Märkischen Sauerland. Seit ich hier bin, heizen die Jungs vom Märkische Museums-Eisenbahn e.V. regelmäßig meinen Kessel an und dann schnaufe ich mit Gästen in unseren Waggons vom Bahnhof Herscheid-Hüinghausen aus über die Schmalspurgleise im Elsetal. Dabei mache ich viel Dampf, das kann ich euch versprechen. Ein echter Spaß! Nicht nur für mich übrigens. 


Auf diesen Job hatte ich mich schon im Voraus gefreut. Meine Kollegin Bieberlies von der Sauerländer Kleinbahn im Märkischen Sauerland musste zur Hauptuntersuchung. Das ist sowas wie der TÜV bei Autos. Nur viel aufwändiger. Oh, là, là. Ihr macht euch kein Bild! 

Hier bin ich!
Für mich war es jedenfalls Ehrensache, dass ich ihre Vertretung übernehme. Ich wusste zwar nicht mal genau, wo Hüinghausen liegt. Aber ich bin einfach gerne auf Achse. Nach der nächtlichen Fahrt auf dem Tieflader über Autobahnen kam hier sogar etwas Heimatgefühl auf.

Tatsächlich bin ich gar nicht sooo weit weg von hier gebaut worden. Von Geburtsort spricht man ja bei uns Lokomotiven nicht, aber 1917 rollte ich aus der Lokomotivenfabrik Arnold Jung GmbH in Jungenthal bei Kirchen (Sieg). Luftlinie nach Hüinghausen: ca. 60 Kilometer. Praktisch um die Ecke. 

Jedenfalls, wenn man sich anschaut, wo ich schon überall Wagen gezogen habe: im früheren Ostpreußen für die Pillkaller Kleinbahn bei Königsberg, heute Kaliningrad, in Cottbus, im Spreewald, bei der Harz- und Brockenbahn und zuletzt in Bruchhausen-Vilsen beim 1. Deutschen Eisenbahn-Verein. 

Im Sommer 2020 kam ich also hier an, wurde direkt auf die Gleise gesetzt und habe mich gleich wohlgefühlt. Das ganze Team vom Verein ist ein einziger Schatz, egal in welcher Funktion sie hier aktiv sind: als Heizer, als Lokführer, als Mechaniker oder als Schaffner zum Beispiel. Bei mir war erst mal ein kurzer Check geplant, normaler TÜV sozusagen.

Ich bin zwar noch jung, aber in Menschenjahren gerechnet ist 105 biblisch. Darum hatte ich natürlich Verständnis für die Aktion. Im September sollte ich Bieberlies ablösen. Meine Untersuchung im Lokschuppen dauerte dann allerdings doch etwas länger als gedacht. Geschenkt. So was passiert. 




Danach war ich startklar und hatte mich gerade warmgelaufen für die wunderschönen Laternenfahrten im November. Und dann? Sprachen plötzlich alle vom Lok-Down. Was sollte das denn bedeuteten? Bieberlies wusste auch nichts Genaues, aber die hatte den Kopf sowieso nicht frei: Bammel vor der großen Untersuchung. Schon Monate vorher! Irgendwann kapierte ich jedenfalls, dass der Lok-Down nicht nur mich und nicht nur Lokomotiven betraf, sondern alles und jeden. So stand ich mir erst mal meine hübschen roten Räder in den Bauch. 

Keine Nikolausfahrten im Dezember 2020, auf die ich mich so gefreut hatte. Auch die Saisoneröffnung fünf Monate später fiel aus. Der Lokschuppen in Hüinghausen ist zwar windstill und kuschelig, aber so ganz ohne Druck auf dem Kessel fühlte ich mich etwas verloren. Die Fahrgäste fehlten mir! 

Immerhin lernte ich bei ein paar Probefahrten schon die wunderschöne Strecke durchs Elsetal kennen. Und sogar das Fernsehen war dabei! Ich konnte mir vorstellen, wie gut es meinen Fahrgästen gefallen würde, wenn wir erst gemeinsam unterwegs wären. 

Das Elsetal bietet uns Schmalspurbahnen ja ungewöhnlich viel Platz. Denn eigentlich sind wir Spezialistinnen für schmale Täler und enge Straßenfluchten. Hier in der Region versorgten die früheren Kolleginnen mit ihren Güterwagen Industriebetriebe auf Strecken der Plettenberger Kleinbahn, die Kreis Altenaer Eisenbahn, die Hohenlimbuger Kleinbahn, die Iserlohner Kreisbahn und die Kleinbahn Haspe – Voerde – Breckerfeld. 


Wusstest du schon, dass ...

… ab Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Schmalspurbahnen jenseits der Hauptstrecken in den Tälern des Märkischen Sauerlands unterwegs waren?

… die Bahnen die Industriebetriebe in unseren schmalen Tälern mit Material versorgten und ihre Produkte zu größeren Bahnhöfen transportierten?

… die Schmalspurbahnen Kreis Altenaer Eisenbahn, Hohenlimbuger Kleinbahn, Iserlohner Kreisbahn und die Kleinbahn Haspe – Voerde – Breckerfeld meist mitten auf den Straßen fuhren?

… die Märkische Museums-Eisenbahn auf der Trasse des Herscheiders, einer ehemalige Bundesbahnstrecke, von Plettenberg nach Herscheid fährt?

… die letzte Schmalspurbahn 1983 eingestellt wurde und Lastwagen die Transporte übernahmen?

… der Märkische Museums-Eisenbahn e.V. mit seinem Engagement die Erinnerung an diesen Teil der Geschichte bewahren möchte?

… du mit deiner Fahrkarte einen kleinen Beitrag zur Aufarbeitung und zum Erhalt der historischen Fahrzeuge und der Strecke leistest?


Woher ich das alles weiß? Bieberlies hat es mir erzählt. Während sie auf ihre Untersuchung und ich auf meine ersten Fahrten im Frühjahr warteten, steckten wir über den langen Winter die Kessel zusammen. Ich erfuhr alles über die Schmalspurbahnen im Märkischen Sauerland. Die ermöglichten der aufstrebenden Industrie jenseits der Bahn-Hauptstrecken im Lenne-, Volme- und Ruhrtal ab Ende des 19. Jahrhunderts, ihre produzierten Waren durch die engen Täler zu Verkehrsknotenpunkten zu transportieren und erfolgreich zu verkaufen. Ein feines Netz an Schmalspurgleisen durchzog die Region. Personenverkehr spielte dabei nur eine Nebenrolle. Schade eigentlich, ich könnte auf Fahrgäste nicht verzichten. Andererseits waren die Leute damals sowieso nicht zum Vergnügen unterwegs.

Schade auch, dass hier keine weitere Strecke erhalten ist, sonst hätte ich einfach ein paar Ausflüge gemacht und die Gegend erkundet. Aber es ist alles in den 1960er bis 1980er Jahren überbaut oder entfernt worden. Als letzte unserer Art wurde 1983 die Hohenlimburger Bahn in Hagen eingestellt. Von ihr blieben zumindest noch einige Wagen erhalten, aber viele der anderen Züge wurden schnöde ausgeschlachtet oder eingeschmolzen. Grauenhaft, ich könnte mir vor Zorn einen Knoten in den Schornstein binden. Das wäre allerdings nicht gut für meine Gesundheit. 

Bieberlies berichtete mir auch, was für ein Glück sie hatte, dass der Märkische Museums-Eisenbahn e.V. gegründet wurde. Seit 1982 arbeitet er daran, dieses Stück der regionalen Geschichte zu bewahren, Fahrzeuge der heimischen Schmalpurbahnen zu retten und wenn möglich ins Märkische Sauerland zurückzuholen. Stellt euch das mal vor: Seit fast 40 Jahren spüren die heute rund 140 Mitglieder existierende Originafahrzeuge auf. Zum Beispiel die Wagen, die bei den Inselbahnen Juist,  Spiekeroog und Langeoog gelandet waren. 

Eine Original-Lokomotive aus der Region fanden sie nicht mehr, aber ein Lokomotiven-Denkmal in einem Hotelgarten. Die Dampflok war vom gleichen Typ wie die hiesigen Loks und ursprünglich im nahe gelegenen Biebertal unterwegs gewesen. Das war meine Freundin, mit eigentlich schon klinisch totem Maschinenherz. Der Verein reanimierte sie und taufte sie Bieberlies.  

Bieberlies berichtete mir auch, was für ein Glück sie hatte, dass der Märkische Museums-Eisenbahn e.V. gegründet wurde. Seit 1982 arbeitet er daran, dieses Stück der regionalen Geschichte zu bewahren, Fahrzeuge der heimischen Schmalpurbahnen zu retten und wenn möglich ins Märkische Sauerland zurückzuholen.



Stellt euch das mal vor: Seit fast 40 Jahren spüren die heute rund 140 Mitglieder existierende Originafahrzeuge auf. Zum Beispiel die Wagen, die bei den Inselbahnen Juist, Spiekeroog und Langeoog gelandet waren. 

Eine Original-Lokomotive aus der Region fanden sie nicht mehr, aber ein Lokomotiven-Denkmal in einem Hotelgarten. Die Dampflok war vom gleichen Typ wie die hiesigen Loks und ursprünglich im nahe gelegenen Biebertal unterwegs gewesen. Das war meine Freundin, mit eigentlich schon klinisch totem Maschinenherz. Der Verein reanimierte sie und taufte sie Bieberlies.  

Reanimieren ist nie einfach. Aber Bieberlies holten die Männer vom Märkischen Museums-Eisenbahn e.V. in jahrelanger Arbeit ins Leben zurück. In sieben Jahren, um genau zu sein. Normalerweise ist sie es, die hier fröhlich pfeifend über die Gleise dampft. Apropos Gleise: Auch die Schmalspurstrecke wurde eigenhändig vom Verein verlegt. Denn früher rollte hier die große Eisenbahn auf diesem Bahndamm von Plettenberg nach Herscheid. 2,4 Kilometer verlegten sie aus alten Gleisen und Schwellen, die sie vorher bundesweit aufgetrieben hatten. 

Dann kauften sie der Deutschen Bahn den Bahnhof Herscheid-Hüinghausen ab und sanierten ihn von Grund auf. Und sie bauten zwei weitere Haltepunkte für den Dampflok-Betrieb: die Stationen Seissenschmidt und Köbbinghauser Hammer. In dem ganzen Betrieb steckt so viel Herzblut, ich kann es euch gar nicht sagen. Als Bieberlies mir das alles erzählte, habe ich spontan ein paar Salut-Pfiffe ausgestoßen. Aber klar, sowas funktioniert nur mit echter Leidenschaft. Und mit Unterstützung durch Sponsoren, Spenden, Mitgliedsbeiträge und Fördergelder. 

Seit 1992 fährt die Sauerländer Kleinbahn ein- bis zweimal im Monat von Hüinghausen bis zum Köbbinghauser Hammer und wieder zurück. Ganz klassisch mit Heizer, Lok- und Zugführer an Bord. Die Fahrtage stehen oft unter einem Motto: Es gibt zum Beispiel den Teddybärentag, den Matjestag oder den Blaulichttag. An diesen Tagen ist am Bahnhof Hüinghausen richtig was los.

Es wird ja auch viel geboten: Außer den Fahrten gibt es Würstchen vom Grill, in der Gaststube im ehemaligen Güterschuppen sind Kaffee und Kuchen im Angebot. Besondere Höhepunkte des Jahres sind der Oldtimertag, an dem alte Autos aus der ganzen Region zu Gast sind, und – natürlich – die Sonderfahrten im November und Dezember: die Laternen- und Nikolausfahrten. 


Du kommst gerade auf den Geschmack?

Dann mach dich auf den Weg! An Fahrtagen öffnen auch der Biergarten und das Bahnhofs-Café am Bahnhof Herscheid-Hüinghausen um 11 Uhr. Im Kleinbahn-Café im Güterschuppen gibt es frische Waffeln, Kuchen, Kaffee und einiges mehr an. Draußen auf dem Bahnsteig erwarten dich Würstchen vom Grill und Kaltgetränke. An Themenfahrtagen, wie dem Kartoffelfest oder dem Matjes-Tag findest du hier auch entsprechende Spezialitäten.

Für die Zugfahtren bekommst du traditionelle Tickets direkt am Schalter im (Bahnhof) Hüinghausen. Zu den Nikolausfahrten 2022 erhältst du sie ab September 2022 Informationen per Mail an nikolaus@sauerlaender-kleinbahn.de.
 


Endlich geht‘s los!

Mit der verspäteten Saisoneröffnung konnte ich selbst dann im Juni 2021 endlich losdampfen. Das war eine Freude! Ich war wirklich in Hochform, der Heizer schippte Kohle im Akkord, der Schaffner zupfte seine Uniform zurecht und kontrollierte die Fahrscheine. Und auch die Fahrgäste in unseren restaurierten Originalwagen der Holzklasse hatten Riesenspaß bei den Teddybärfahrten, am Matjestag, am Oldtimertag und überhaupt. Und dann endlich: Laternen- und Nikolausfahrten. Ich habe laut gejubelt – im ganzen Elsetal war das zu hören. Das Leben als Museumslok kann so schön sein! 


Bieberlies geht es allerdings gerade nicht so toll. Die Untersuchungen hatten im Frühjahr begonnen und schon bald sah es im Lokschuppen aus wie in einem Operationssaal. Bieberlies Führerhaus liegt seither am Bahnsteig. In der Werkstatt ist ihr Kessel freigelegt und wird bis ins Kleinste untersucht.

Jedes Heizrohr kommt unter die Lupe. Schließlich muss ein Heizkessel enormen Druck und Temperaturen aushalten, alles hat dicht zu sein und die Heizrohre intakt. Nur dann erlaubt das Eisenbahnbundesamt, dass sie auf die Gleise zurückkehrt. 

Arme Bieberlies. Natürlich ist sie in sehr guten Händen, denn die Mechaniker des Vereins sind bei der Bahn ausgebildet und kennen ihr Handwerk aus dem Effeff – egal ob sie hauptberuflich oder ehrenamtlich in der Werkstatt arbeiten. Doch wenn man so zerlegt wird, kann einem schon mal der Mut sinken. In unseren Gesprächen wird Bieberlies immer einsilbiger. Jeden Abend berichte ich ihr, was sich außerhalb des Lokschuppens und auch in der anderen Halle so ereignet. Nebenan stehen wirklich hübsche Wagen, die ich als Museumsbahn ankupple. Zum Beispiel ein Buffetwagen und ein vollständig originalgetreu rekonstruierter Personenwagen mit Holzausstattung. Wenn ich sie sehe, fühle ich mich in meine noch jüngeren Jahre versetzt. 



Um Bieberlies aufzuheitern, erzähle ich ihr Anekdoten von den Fahrgästen. Oder wie sich das Elsetal im Wechsel der Jahreszeiten verändert. Ich erzähle auch, woran die Vereinsmitglieder gerade arbeiten. Zum Beispiel haben sie einen Güterwagen gerettet, der aus dem Sauerland stammt, im Zillertal als offener Sommerwagen mit Gästen unterwegs war und verschrottet werden sollte. Wirklich gefreut hat sie sich, als sie hörte, dass es jetzt eine DVD über ihr Leben gibt. Über die Winterpause habe ich ihr ein paar Schwänke aus meinem Leben erzählt. Und mit Beginn der Saison wieder Schwänke von den Fahrtagen.

Momentan steht alles im Zeichen des großen Jubiläums: 40 Jahre gibt es den Verein jetzt schon. Bieberlies stehen dann manchmal die Tränen in den Augen, so gerne wäre sie dabei.

Doch jetzt muss sie erstmal wieder auf die Räder kommen. Klar, das kann noch ein bisschen dauern. Aber immerhin muss sie sich nicht um ihren Arbeitsplatz sorgen, denn als Vertretung halte ich den Laden ja am Laufen. Und ich bin so gerne hier! Ich will gar nicht daran denken, dass ich das Märkische Sauerland irgendwann wieder verlassen muss.  



Fahrtage 2022

40 Jahre Märkische Museums-Eisenbahn 

01.05.2022  Fahrtag: Saisoneröffnung 2022 
15.05.2022  Fahrtag: Internationaler Museumstag
05.06.2022  Fahrtag: Teddybärtag
19.06.2022  Fahrtag
03.07.2022  Oldtimertag
17.07.2022  Fahrtag
30./31.07.2022  JUBILÄUMSWOCHENENDE mit unterschiedlichen Loks und vielen Überraschungen
07.08.2022  Fahrtag: Blaulichttag
21.08.2022  Fahrtag: 1. Treckertreff
04.09.2022  Fahrtag
02.10.2022  Fahrtag: Ente trifft Dampflok
13.11.2022  Grünkohl- und Laternenfahrten

Nikolausfahrten im Dezember 2022   
Informationen über nikolaus@sauerlaender-kleinbahn.de
Aktuelle Informationen zu Fahrtagen und Fahrplan unter: www.sauerlaender-kleinbahn.de.
 

Änderungen sind aufgrund der aktuellen Lage, behördlicher Anordnungen oder aus organisatorischen Gründen möglich.





Quellenangaben

Märkische Museums-Eisenbahn e.V.

Text: Sabine Schlüter - Die flotte Feder

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