Geschichte und Geschichten der Villa Wippermann

Ende des 19. Jahrhunderts entstand in Halver die Villa Wippermann als besonders schönes Exemplar einer Fabrikantenvilla im Stil des späten Historismus. Gebaut wurde sie direkt gegenüber der Brennerei Gebrüder Wippermann. 1895 bezogen Gustav Adolf Wippermann, seine Frau Aline und ihre drei Kinder das imposante Haus. Heute bildet es als eines der drei Häuser der Kultur das Zentrum der Neuen Mitte Halver und beherbergt das Regionalmuseum Oben an der Volme.

Gute Zeiten waren das, als die Villa Wippermann entstand. Man nannte sie Belle Époque, die Schöne Epoche. Es herrschte Frieden in Europa, die Wirtschaft florierte. Genau dieses Flair strahlt die Villa heute wieder aus: an einem Hang gelegen, von Grund auf saniert, strahlend weiß, mit schönen Ornamenten, praktisch wie neu. Doch für die Familie von Gustav Adolf Wippermann endeten die guten Zeiten recht bald. Wie es mit der Villa weiterging, zeigen einige Schlaglichter. Doch von Anfang an. 


1895 bis 1950: Die Wippermanns und ihre Villa

Als Teilhaber der Brennerei Ge¬brüder Wippermann, in der z.B. Schnaps und Parfum produziert wurden und die er mit seinen Brüdern Ernst Wilhelm Wippermann und Karl August Wippermann besaß, führte Gustav Adolf Wippermann ein angenehmes Leben in Halver. Seine Frau Aline, geborene Lüsebrink, und er beschlossen Ende des 19. Jahrhunderts, sich einen neuen Wohnsitz in unmittelbarer Nähe der Brennerei erbauen zu lassen. Platz war reichlich vorhanden. 

So entstand 1895 in einem kleinen Park ein Musterbeispiel des Villenbaus jener Zeit: Eine schneeweiße Villa im im Stil des späten Historismus mit reich verzierten Fenstern, die bald von der fünfköpfigen Familie bezogen werden konnte. 

Im Jahr 1900 ließen die Wippermanns eine Veranda anbauen. Sie wurde 1910 in einen Wintergarten umgestaltet und um ein Stockwerk aufgestockt. An der Rückseite entstand in einem Anbau eine neue Küche, um mehr Wohnraum für die inzwischen fast erwachsenen Kinder zu gewinnen. Doch die Zeiten änderten sich: Aline verstarb 1916, Sohn Hugo fiel ein Jahr später in Ersten Weltkrieg. Gustav Adolf Wippermann, ein aktiver Gestalter der Stadt Halver, der beispielsweise 1881 schon die örtliche Freiwillige Feuerwehr mitgründet hatte, überlebte seinen Sohn um 10 Jahre – er starb 1927.

Seine beiden Töchter Margarete und Elisabeth hatten inzwischen geheiratet und Halver verlassen. Sie vermieteten die Villa: die Unternehmerfamilie Schnöring wohnte hier, der Zahnarzt Karl Schartmann mietete Wohnung und Praxis im Haus. Nach Kriegsende wurden in freien Räumen auch immer wieder Flüchtlinge untergebracht. 1950, fünf Jahre nach dem Tod ihrer Schwester Margarete, verkaufte Elisabeth die Villa an die Stadt Halver. 



1895: Ein Tor wie in Versailles

Anders als heute lag das Grundstück der Villa Wippermann an der Frankfurter Straße im Jahr 1895 noch inmitten von Weiden und Wiesen. Das Terrain wurde erst in den Folgejahren erschlossen. Abgesehen von der schräg gegenüber liegenden Brennerei und der Villa von Ernst Wilhelm Wippermann gab es keine Nachbarschaft. Daher entschied sich Gustav Adolf Wippermann, das Grundstück von einer Mauer umbauen zu lassen. 

Und natürlich brauchte diese Mauer auch in standesgemäßes Tor. 

Praktischerweise hatte ein Heizer der Kornbrennerei namens Ewald Förster während seines Militärdienstes als Fahnenschmied gearbeitet. Fahnenschmied war damals eine ehrenvolle Tätigkeit, denn er hatte die Aufgabe, die Regimentsfahnen zu pflegen und instand zu halten – was auch Schmiedearbeiten der Fahnenstangen einschloss. 


Ewald Förster verfügte also über eine gewisse Fingerfertigkeit als Schmied. Und diese setzte er gerne ein, um das Tor zum Garten der Villa Wippermann herzustellen. 

Was er sich vornahm, war durchaus ambitioniert, denn sein großes Vorbild war das Tor zum Schloss Versailles. Er entwickelte jedoch eigene Ornamente und gab dem Tor auch eine andere Form.

Die kunstvolle Arbeit stand zwischenzeitlich – um einen Meter verkürzt – in der Von-Vincke-Straße 22 vor der Etage des früheren Heimatmuseums.

Heute findet sich das Tor jedoch wieder an der ursprünglichen Stelle – ohne Mauer allerdings. Denn die wurde Mitte der 1970er Jahre entfernt. 


1945: Nachhilfelehrer im Bett

Ulla Turck, geborene Wirths, kam im Herbst 1945 gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren zwei Geschwistern aus dem österreichischen Linz nach Halver zu den Großeltern. Ihr Vater war in russischer Kriegsgefangenschaft. Da Linz 1943 und 1944 vor allem tagsüber stark bombardiert worden war, konnte Ulla zwei Jahre keine Schule besuchen. Wie viele andere verbrachte sie die Tage in Bunkern. Als sie zehnjährig in Halver ankam, konnte sie weder richtig schreiben noch rechnen. 


Die Villa Wippermann war zu jener Zeit größtenteils vermietet – an den Zahnarzt Dr. Schartmann mit Familie im Erdgeschoss und die Unternehmerfamilie Schnöring im Obergeschoss. Freie Räume boten geflüchteten Familien in dieser Zeit jedoch immer wieder Unterkunft. Auch ein Mitgefangener des Vaters, ein Lehrer, wohnte hier mit Frau und Sohn in Räumen unterm Dach. Wegen einer Verletzung war er früher aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden und auf Empfehlung von Ullas Vater nach Halver gezogen. Doch die Bedingungen waren schwierig. „Die kalte Bruchbude war voller Flüchtlinge“, beschrieb Ulla die Zustände in der Villa.  

Sie erhielt mehrere Monate Nachhilfeunterricht beim Kameraden ihres Vaters, der noch immer im Krankenbett lag. „Er unterrichtete in der obersten Wohnung, in einem alten Metallbett, zugedeckt mit einer dunklen Pferdedecke“, berichtet sie. Doch für sie lohnte sich das Ganze: Schon zu Ostern 1946 bestand sie die Aufnahmeprüfung für die damalige Mittelschule Halver.


1948: Zwei Zahnärzte unter einem Dach

Ines Berg, geborene Berndt, war gerade 2 Jahre alt, als ihre Familie Ende 1947 aus Swinemünde im heutigen Polen, vertrieben wurde. Da ein Bruder der Mutter bereits in Halver lebte, wurde die Stadt zum Ziel der anstrengenden Flucht Richtung Westen. Nach ihrer Ankunft im Sommer 1948, kam die Familie, der Zahnarzt Dr. Erhardt Berndt, die Mutter, Großmutter, ihr Bruder und sie selbst im Aufbau über dem Wintergarten der Villa Wippermann unter. In der benachbarten Wohnung lebte die Familie Fritz Schnöring. 

Im Erdgeschoss wohnte der Zahnarzt Dr. Schartmann, der dort auch Räumlichkeiten für seine Praxis hatte. So gab es für kurze Zeit zwei Zahnärzte unter einem Dach, Dr. Berndt praktizierte jedoch nicht in Halver. Er hatte ein Angebot aus Bad Harzburg, eine Praxis zu übernehmen. 

Am 21. September 1948 unternahm er die, für die damalige Zeit, recht beschwerliche Reise in den Harz, um sich die Praxis anzusehen. Nach den Strapazen der Flucht, dem Verlust der Heimat und der ungewissen Zukunft war die Belastung zu groß geworden – nach seiner Rückkehr verstarb er am selben Abend, gerade mal 51-jährig, an einem Herzinfarkt. 

Ein zusätzlicher schwerer Schicksalsschlag für die Familie, den auch die damals Dreijährige als erste Erinnerung mit auf den Lebensweg nahm. Die Familie blieb in Halver, in der sie auch rasch eine Wohnung fand. Ines Berg wuchs hier auf, heiratete und lebt bis heute in Halver. Die Villa Wippermann aber erinnert sie immer an die traurigen ersten Tage in dieser Stadt, die ihr zur Heimat geworden ist.


Seit 2014: Umbau und Eröffnung als Museum

Zu jener Zeit begann die Umstrukturierung der Innenstadt Halvers im Zuge des Landesstrukturförderprogramms Regionale 2013. In der Neuen Mitte der Stadt wurde die Villa Wippermann nach umfangreichen Umbau- und Sanierungsarbeiten eines der drei Häuser der Kultur. In dieser Zeit wurde sie 2015 auch unter Denkmalschutz gestellt. Bei den langjährigen Arbeiten unterstützte der Heimatverein Halver e.V. in historischen Fragen. 

2018 wurde die sanierte Villa Wippermann für die Öffentlichkeit geöffnet, sie beherbergt heute das Regionalmuseum Oben an der Volme – als Nachfolgeeinrichtung der Heimatstube, des früheren Museums vom Heimatverein Halver. Sie dient außerdem als Veranstaltungsort für kulturelle Veranstaltungen. Zudem nutzt sie das Standesamt Halver für Trauungen. 



Du möchtest die Villa Wippermann anschauen?

Kein Problem, denn das Regionalmuseum ist regelmäßig geöffnet. Du kannst hier wechselnde Sonderausstellungen zu spannenden Themen aus der Region entdecken und dir in einer kleinen Dauerausstellung ansehen, wie zu Zeiten der Wippermanns ein typisches Klassenzimmer aussah. Und natürlich kannst du die wunderschöne Villa von innen wie von außen auf ihrem Parkgrundstück betrachten. Oberhalb der Villa ist übrigens ein toller Spielplatz mit Kletterburg und Wasserspielen. Und lass dir auch das schmiedeeiserne Tor nicht entgehen. 

Hier schonmal ein paar Inspirationen und ein virtueller Rundgang!

Villa Wippermann

Villa Wippermann
Regionalmuseum Oben an der Volme
Frankfurter Straße 45
58553 Halver
 


MAX WETTE & LILO CAPALLONeue Ausstellung in der Villa Wippermann | Schwarzweiß-Fotografie der 50er Jahre

Die jüngste Ausstellung in der Villa Wippermann zeigt Arbeiten einer Fotografin und eines Fotografen auf der Höhe ihres Könnens. In stylischen Schwarzweiß-Fotografien – Porträts, Mode- und Werbefotografie fangen sie die Stimmung der Wirtschaftswunderjahre ein.  

Lilo Capallos Fotostudio war in Halver eine Institution. Ihre Kinder-, Konfirmations-, Verlobungs- oder Hochzeitsfotos sind im Ort Legende. Zuletzt, ab 1956, hatte sie ihr Fotostudio in der Frankfurter Str. 25 unweit der Villa Wippermann. Neben ihren Fotos sind auch Teile ihrer Atelier-Ausstattung zu sehen. 

Max Wette hatte nach seiner Ausbildung und seinen Einsätzen als Kriegsfotograf von 1945 bis 1982 eigene Fotostudios – zunächst in Gummersbach und später in Köln. Vom langjährigen Obermeister der Photographen-Innung in Köln sind in der Ausstellung Schwarzweiß-Fotografien der 50er Jahre zu sehen, insbesondere Mode-, Werbe- und Porträtfotos.



Quellenangaben

Heimatverein Halver e.V.

Allgemeiner Anzeiger, Archiv 11.7.1996

Archiv Dr. Axel Wippermann, Berlin

Text: Sabine Schlüter - Die flotte Feder

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