Wie Neuenrade nach Jahrhunderten zu einer neuen Burg kam

Das obere Hönnetal mit der Stadt Neuenrade liegt idyllisch in einer Flachmulde des Märkischen Sauerlands. Schwer vorstellbar, dass es hier immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen gab. Doch mitten durch die Landschaft verlief lange Zeit die Grenze zwischen den Grafschaften Mark und Arnsberg. Und da Burgen im Mittelalter ein probates Mittel waren, solche Grenzen zu überwachen und zu schützen, gab es sie auch hier. Drei Burgen waren es allein auf dem heute rund 54 Quadratmeter großen Gebiet Neuenrades. Keines der mittelalterlichen Gebäude blieb erhalten. Doch dann kam die Motte.  


Eine neue Stadt entsteht

1353: Die Grafen von der Mark, zuletzt der junge Graf Engelbert III., hatten beschlossen, unweit des Dorfes Rode und der Grenze zur Grafschaft Arnsberg eine neue Siedlung anzulegen – Neuenrade. Nach dem Motto „rechteckig, praktisch, uneinnehmbar“ wurde sie auf dem Reißbrett entworfen. Zuständig für den Bau der mittelalterlichen Planstadt war der Ritter Gert von Plettenberg. Er machte den Ort wehrhaft: mit einer dicken Mauer, einem breiten Außengraben, Teichen sowie einer Stadtburg mit hohem Wohn- und Wehrturm mit bestem Ausblick, die er selbst später als Droste und verwaltender „Amptman“ bezog.

Aus heutiger Sicht wirkt der Neubau einer Stadtburg nicht unbedingt schlüssig, denn vieles deutet darauf hin, dass es in unmittelbarer Nähe der neuen Siedlung bereits eine Wasserburg gegeben hatte. Wahrscheinlich mit einer Turmhügelburg, genannt Motte, im Zentrum. Bis heute haben sich in diesem Bereich, der früher vor der südlichen Mauer lag, entsprechende Flur- bzw. Namensbezeichnungen erhalten. Fundstücke der Burg selbst zeigten sich bislang zwar nicht. Bei Bauarbeiten entdeckte man jedoch immerhin Hinweise auf den Wassergraben der alten Burg, der offenbar 1353 in die Befestigung Neuenrades integriert worden war. 



Währenddessen auf der anderen Seite der Grenze

1355: Auf der märkischen Seite baute er etwas Neues, auf der Arnsberger Seite zerstörte er. Bevor Engelbert III. Neuenrade großzügig das Stadtrecht verlieh, war er jenseits der Grenze zur Grafschaft Arnsberg in kriegerischer Mission unterwegs. Unweit von Küntrop verlief besagte Grenze und direkt dahinter lag die Burg Gevern. Auch von hier hatte man einen guten Blick über die Hochebene und so war die Turmhügelburg angesichts der Aktivitäten rund um Neuenrade wahrscheinlich soeben nochmals befestigt worden, als Engelbert III. sie und das zugehörige Dorf angriff und zerstörte. Die Menschen ließ er kurzerhand in seine neue Stadt umsiedeln und Baumaterial der Burg nach Neuenrade bringen. 


Unter dem Schleier des Vergessens

Die Zeit verstrich, Dorf und Burg Gevern verschwanden. Märkische Grafen und Neuenrader Drosten kamen und gingen. Neuenrade blieb lange die kleine befestigte Stadt nahe einer umstrittenen Grenze. Die alte Wasserburg geriet in Vergessenheit. Sogar die Stadtburg wurde zu Anfang des 18. Jahrhunderts abgebrochen, das Gelände überbaut, denn die Drosten wohnten schon lange nicht mehr hier. Um Burg Gevern im heutigen Ortsteil Küntrop ranken sich jedoch düstere Sagen.

Vielleicht auch, weil ihr Standort noch gut erkennbar ist. Der Wassergraben um die frühere Burg sowie ein Erdhügel sind bis heute zu sehen.  Ein kleiner, fast kreisförmiger Wald mit Buschwerk ist hier entstanden und hält die Erinnerung wach. Ironie der Geschichte: Das Land, auf dem Burg Gevern stand, gehört heute zu Küntrop. Küntrop wiederum seit vielen Jahren zum ehemals märkischen Neuenrade.



Eine Burg zum Verschieben

Jahrhunderte später: Grenzen sind aufgehoben, Orte vereint, nachbarschaftlicher Frieden. Eigentlich baut niemand mehr Burgen. Doch die Geschichte der Orte und ihrer Burgen liegt in Neuenrade und in Küntrop einigen historisch interessierten Menschen am Herzen. Sie entdecken die Möglichkeit, für Neuenrade bzw. Küntrop eine neue Burg zu organisieren. Denn tatsächlich gibt es eine Burg zu verschenken. Und zwar jene Burg, die 2010 die Hauptattraktion der spannenden Ausstellung AufRuhr 1225! des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) war. Eine originalgetreu rekonstruierte hölzerne Turmhügelburg, eine Motte. Genau so könnten auch die beiden Wasserburgen in Neuenrade und Küntrop einmal ausgesehen haben. Die Stadt Neuenrade zögert nicht lange und bewirbt sich – neben vielen anderen Orten. Denn wer hätte nicht gern eine neue Burg? 

Neuenrades Konzept überzeugt, die Stadt erhält den Zuschlag. Und dass das Konzept überzeugt, ist letztlich dem historischen Bezug des angedachten Standorts zu verdanken. Denn die Burg soll unweit der ehemaligen Burg Gevern einen dauerhaften Platz bekommen und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Das Projekt begeistert den ganzen Ort.

Und so ist auch die Bedingung, Abbau und Abtransport selbst zu besorgen und zu finanzieren, kein Hindernis. Innerhalb kürzester Zeit organisiert die Stadt alles, was für den ersten Schritt nötig ist. Die erforderlichen Mittel kommen als Spenden zusammen. 


Burgenbau im 21. Jahrhundert

Drei Wochen dauert der fachmännische Abbau der Motte im Januar 2011 in Herne. Die beauftragte Zimmerei aus Neuenrade kennzeichnet jedes der 750 Einzelteile für den späteren Wiederaufbau. Ein großer LKW bringt die 100 Kubikmeter Holz nach Neuenrade, wo sie zunächst eingelagert werden. Denn jetzt müssen die Voraussetzungen für den Aufbau geschaffen werden: die Bauplanung, die Baugenehmigung, der Bau des Fundaments und die Aufschüttung des Hügels, der eigentlichen Motte. 

Stadt, Vereine und Bürger ziehen an einem Strang und so können die ersten Arbeiten auf der Baustelle ein gutes Jahr später beginnen. Im März 2012 werden die acht Baugruben für die quadratischen Betonpfeiler ausgehoben, auf denen die Motte aufgesetzt wird. Denn das Fundament darf man heute natürlich nicht mehr so bauen wie im Mittelalter. Im Oktober 2012 ragen die Betonpfeiler aus dem Boden. Die Zwischenräume werden mit Erde aufgefüllt, sodass der Turmhügel als Basis entsteht. 

Der Wiederaufbau der hölzernen Turmhügelburg beginnt schließlich im Januar 2013 und schreitet schnell voran. Bereits im März 2013 steht die Burg samt Wehrgang und Dach. Bis Mai sind auch der Palisadenzaun und die Treppe fertiggestellt. Mit einem Festakt wird die Motte im Oktober des Jahres eröffnet.  

2013: 660 Jahre nachdem der Bau der mittelalterlichen Planstadt mit Burg begonnen hatte, wurde Neuenrade dank einer originalgetreu rekonstruierten Motte also endlich wieder eine Burgenstadt. Im Ortsteil Küntrop ragt sie 22 Meter in die Höhe. Eine große Attraktion, mit tollem Blick ins Hönnetal und zum Standort der ehemaligen Burg Gevern, die immer wieder einen Besuch lohnt.



Du möchtest die Turmhügelburg in Neuenrade-Küntrop kennenlernen?

Nichts leichter als das: Die Motte ist jedes Jahr von Ostern bis einschließlich Oktober jeden 1. Sonntag des Monats von 14.00 bis 17.00 Uhr geöffnet.

Auch Sonderführungen sind möglich. 



Beim Aufstieg kannst du die geschickte mittelalterliche Holzbauweise bewundern. Oben angekommen genießt du nicht nur den Panoramablick ins Hönnetal – in Richtung Nordwesten ist auch genau zu erkennen, wo die Burg Gevern stand.

Übrigens: Auf der Motte kannst du sogar heiraten! Auf der Website von Neuenrade erfährst du mehr. 




Was ist eine Motte?

Turmhügelburgen oder Motten wurden im 11. und 12. Jahrhundert gebaut. Sie waren meist runde oder ovale Niederungsburgen im Flachland, die mit einem oder mehreren Palisadenzäunen und oft mit zusätzlichen Wassergräben gesichert waren. Die Kernburg aus Holz oder Fachwerk bestand zumeist aus einem Wohnturm in erhöhter Position.

Dazu wurde mit dem Aushub aus dem Graben ein Erdhügel von 20 bis 30 Metern Durchmesser aufgeschüttet. Der Begriff Motte stammt aus dem französischen Wort motte für Klumpen oder Scholle.



Wusstest du schon, dass ...

… Engelbert III. auch die Bewohner des Dorfes Rode nach Neuenrade umsiedelte und sie sogar verpflichtete, ihre eigene Stadt zu bauen?

… die Bewohner Neuenrades mit dem Stadtrecht nicht nur eine eigene Gerichtsbarkeit erhielten, sondern auch das Recht, drei Jahrmärkte pro Jahr abzuhalten?

… es das Volksfest Gertrüdchen als Pferdemarkt seit der Stadtgründung gibt?

… die Gerichtslinde in Neuenrade bereits seit mehr als 900 Jahren existiert und früher auf weiter Flur stand?


Stippvisite gefällig? Hier liegt die Motte an deinem Weg

Die Turmhügelburg steht heute im Ortsteil Küntrop, nicht weit von der B229 entfernt. Klar, dass du sie auch auf deinen Wanderungen sehen kannst. Zum Beispiel, wenn du auf folgenden Routen unterwegs bist.  


Quellenangaben

Gräfliche Allianz Arnsberg Mark e.V. – Verein für erlebte Geschichte 
www.gral-ev.com

Heimatbund Märkischer Kreis e.V. 
www.heimatbund-mk.de

Stadt Neuenrade, Stadtgeschichte 
www.neuenrade.de/city_info/webaccessibility/index.cfm?item_id=867524&waid=717

Presseinformationen des Landwirtschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL)
www.lwl.org/pressemitteilungen/suche.php

Text: Sabine Schlüter - Die flotte Feder

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